„Mit dem Festival haben wir einen Durchbruch erreicht“


Reiner Michalke zur Monheim Triennale

Von Bernd Schuknecht, Rheinische Post

RM mit dem amerikanischen Musikkritiker Joe Woodard. Foto: studio pramudiya/npi

Das Triennale II Festival in Monheim war ein voller Erfolg und bot erneut ein abwechslungsreiches Programm. Triennale-Intendant Reiner Michalke schaut zurück – und wagt einen Blick in die Zukunft.

Das Triennale II Festival ist gelaufen. Wie sehen Sie es rückblickend? Welche Höhepunkte gab es für Sie persönlich?

REINER MICHALKE Aus meiner Bewertung war es ein sehr gutes Festival. Vielleicht sogar das beste, für das ich jemals verantwortlich war. Wie gut es tatsächlich war, wird sich allerdings erst im Rückblick der kommenden Jahre zeigen. Musikalische Höhepunkte gab es jedenfalls jede Menge. Mein persönliches Highlight war das Konzert von yuniya edi kwon am Samstagabend. Nach ihren Auftritten beim „Prequel“ im vergangenen Jahr wurden meine ohnehin schon hohen Erwartungen übertroffen. Ebenso hohe Erwartungen hatte ich an das Trio mit Peter Evans, Brighde Chaimbeul und Anushka Chkeidze. Die Drei hatten sich im vergangenen Jahr gefunden und wollten ausdrücklich auch in diesem Jahr wieder zusammenspielen. Und es war wieder großartig. Vielleicht sogar noch besser als im vergangenen Jahr. Und was für ein Auftakt am Donnerstagmittag in der Marienkapelle mit Mats Gustafsson! Mats war sozusagen „Beifang“: Oren Ambarchi hatte ihn für sein Projekt eingeladen. Überhaupt „Beifang“: Man stelle sich vor, so großartige Musikerinnen und Musiker wie Mats, Sofia Jernberg, Joel Ross, Tyshawn Sorey, um nur einige zu nennen, zusätzlich dabei zu haben. Tyshawn Sorey ist einer der großen Stars der kommenden Ruhrtriennale und spielt bei uns nur in einer Nebenrolle. Aber in was für einer! Ich war sehr froh, dass wir das erste Zusammentreffen mit ihm und Darius Jones ermöglichen konnten. Ein sehr starker emotional wie politisch beeindruckender Beitrag kam Samstagnacht von Muquata‘a aus Ramallah und Fairouz Hasan aus Bethlehem im Sojus. Und dann der Abschluss am Sonntagmittag in der Altstadtkirche. Ich war so stolz, erleben zu dürfen, wie der in Monheim lebende Musiker Rabih Lahoud ein Ensemble auf Weltniveau anführt und die ganze Kirche zum Singen, Träumen und Weinen bringt.

Welche Unterschiede hat es zur Ausgabe I gegeben?

MICHALKE Während die erste Triennale noch von der Pandemie gekennzeichnet etwas holprig begann, konnten wir die zweite Triennale völlig unbeschwert planen. Natürlich haben wir dazugelernt. Das Team hat sich unglaublich gut zusammengefunden. Die Abläufe haben perfekt geklappt. Und das Wichtigste: Wir hatten ein fast völlig neues Line-up an Künstlerinnen und Künstler. Das macht allein schon einen riesigen musikalischen Unterschied.

Hat sich mit der Zeit auch das Publikum verändert? Konnten Sie eine größere Akzeptanz in der Monheimer Stadtgesellschaft feststellen?

MICHALKE Auf jeden Fall! Mit dem diesjährigen Festival haben wir einen Durchbruch erreicht. Das haben wir auf allen Ebenen gespürt: bei der Ticketnachfrage – lokal, regional und international – , bei den Medienanfragen und der Berichterstattung im Vorfeld. Das alles hat zu ausverkauften Konzerten geführt. In der Folge mussten wir am Samstag sehr viele Menschen abweisen.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie in Zukunft für die Triennale? Welchen Effekt könnte dabei der Film „Every Note You Play“ von Mika Kaurismäki haben?

MICHALKE Der Film vermittelt auf eindringliche Weise die Idee des Festivals. Er lief in über 40 Kinos in Deutschland, in einigen läuft er immer noch. In Leipzig wurde er, so hat man mir berichtet, in einen größeren Saal verlegt. Er läuft auf internationalen Filmfestivals und wird im Herbst auf Arte ausgestrahlt. Er ist auch auf das Interesse von TV-Magazinen wie ttt und 3sat Kulturzeit gestoßen und hat zu zahlreichen Features im Radio und in Feuilletons geführt. Einen solch durchschlagenden Erfolg hatten wir nicht annähernd erwartet. Und ja, das führt zu einem stetig größer werdenden Interesse, das über den Kreis der reinen Musikliebhaber hinausgeht.

Worin liegt das Geheimnis, Künstler und Künstlerinnen zu finden, die sich nicht nur musikalisch ergänzen, sondern auch offen sind miteinander zu kommunizieren?

MICHALKE Es war ein sehr langer Prozess zu dieser Auswahl von 16 internationalen Künstlerinnen und Künstlern zu kommen. Es begann mit einer sogenannten „long list“, die mein Kuratorenteam und ich erstellt haben, und endete mit der „short list“ aus der wir dann letztlich diese Auswahl getroffen haben. Dabei war es unser Ziel, das weltweite aktuelle Musikgeschehen beispielhaft abzubilden und Musikerinnen und Musikern einzuladen, von denen wir wussten, dass sie offen und abenteuerlustig sind.

Sicherlich ist bei der Auswahl der Künstler und Künstlerinnen ein solides Netzwerk notwendig. Läuft man da aber nicht in Gefahr, in einer selbstgewählten Blase zu verharren, weil man fast mit jeder/jedem befreundet ist?

MICHALKE Um genau dieser Gefahr zu entgehen, habe ich von Anfang an Wert darauf gelegt, mit einem in jeder Hinsicht divers aufgestellten Kuratorenteam zusammenzuarbeiten. Ein Mensch allein kann nicht die ganze Welt überblicken. Als einzelner Programmmacher ist man zudem der Gefahr ausgesetzt, immer wieder die gleichen Quellen zu benutzen und die gleichen Pfade zu gehen. Das „Monheim-Modell“, ich nenne es jetzt einfach mal so, stellt sicher, dass genau das nicht passiert. Die 16 Eingeladenen kannten sich vorher nicht, sondern haben sich tatsächlich erst beim „Prequel“ im vergangenen Jahr kennengelernt.

Wie eng fühlen Sie sich mit der Stadt verbunden?

MICHALKE Natürlich fühle ich mich mit Monheim sehr verbunden – auch wenn ich in Köln und in Kanada lebe – vor allen Dingen mit den Menschen. Schließlich stammt inzwischen fast das gesamte Team aus Monheim. Zudem habe ich mit großer Freude verfolgt, wie sich die Stadt in den vergangenen Jahren, seitdem ich hier tätig bin, entwickelt hat. Nicht nur im Bereich der Kultur, sondern in allen Bereichen des täglichen Lebens. Das ist schon atemberaubend und beispielhaft. Was mir persönlich fehlt, ist der ein oder andere Abend im Spielmann. Das wäre das i-Tüpfelchen.

Sollte es eine Fortsetzung der Triennale geben, wäre diese auch mit reduziertem Budget möglich?

MICHALKE Selbstverständlich kann man alles billiger machen. Aber wenn man bedenkt, was Monheim mit der Triennale bekommt, ist sie wirklich nicht teuer. Wir haben mit den beiden bisherigen Triennalen gezeigt, was möglich ist. Wir können es schaffen, in Monheim ein international anerkanntes Musikfestival zu etablieren, das sowohl die lokale Szene einbindet – von den Kindern und Jugendlichen bis hin zu den Erwachsenen, wie beispielsweise dem Männerchor „Gans Schräg“, der ja auch hervorragend geliefert hat – als auch internationale Spitzenproduktionen präsentiert. Mit einem Konzept, das weltweit einmalig ist. In diesem Sinne wünschen wir uns von der Monheimer Stadtgesellschaft die Verlängerung unseres Mandats. Für mich persönlich ist die Mitwirkung als Intendant nur dann reizvoll, wenn die dritte Triennale die Chance hat, noch besser als die zweite zu werden.