Monheim Triennale – Das Abenteuer Musik im 21. Jahrhundert

Die Monheim Triennale ist ein internationales Musikfestival, das die wegweisendsten aktuellen künstlerischen Positionen im Bereich der Improvisierten, Komponierten und Populären Musik dokumentiert.

Die Monheim Triennale beginnt 2020 und findet im dreijährigen Turnus am letzten Juni- Wochenende statt.

Die Monheim Triennale setzt auf das Erzählen musikalischer Geschichten auf höchstem künstlerischen Niveau. Intendant ist Reiner Michalke.

 

Die Idee zum Festival

Im Frühsommer 2017 kam Daniel Zimmermann, der Bürgermeister der Stadt Monheim, mit der Idee auf mich zu, ein Musikfestival für die Stadt zu konzipieren. Da es im Umkreis von Monheim bereits eine relativ hohe Dichte an Jazzfestivals gibt, (mit Festivals in Leverkusen, Düsseldorf, Viersen, Hilden, Dortmund, Bonn, Münster und Moers) waren wir uns schnell einig, dass es sich beim Monheimer Festival hingegen um einen grundsätzlich anderen Typus eines Musikfestivals handeln sollte.

Bereits beim Moers Festival wurde unter meiner Leitung der Begriff „Jazz“ immer mehr ausgeweitet und durch den Begriff „Aktuelle Musik“ ersetzt. Ebenso soll auch beim Monheimer Festival der Musikbegriff sehr offen und damit anschlussfähig sein. Tatsächlich entstehen im 21. Jahrhundert an den Schnittstellen von improvisierter, komponierter und populärer Musik weltweit die interessantesten und originellsten Entwicklungen und Projekte. Diese „neuen“ Musiken entziehen sich den bisher bekannten Kategorien und kreieren neue Welten und Perspektiven.

In diesem Niemandsland der Musik soll das Monheimer Festival seine Bestimmung finden. Anders als in den Nachbarstädten Leverkusen und Düsseldorf, wo mit möglichst prominenten Namen ein regionales Publikum angesprochen wird, stellt sich das Monheimer Festival der Herausforderung, abseits des musikalischen Mainstreams, nur durch die Qualität von Musik und deren Inhalten Menschen zu faszinieren. Durch die Unverwechselbarkeit des Programmprofils werden sowohl das Publikum in Monheim und dem Rheinland wie auch die Gemeinschaft der Musikinteressierten in der ganzen Welt angesprochen. Die höchste Qualität tönt dann aus dem regionalen Raum ins globale Dorf.

Das Ziel ist eine internationale Dokumentation der wegweisendsten, aktuellen künstlerischen Positionen – ein Festival als eine „documenta“ der Aktuellen Musik, die in einer unübersichtlich gewordenen Welt die wirklich wichtigen und vorausdeutenden Musiker*innen zusammenbringt.

Ebenfalls erreichten wir schnell Einigkeit bei der Überlegung in welcher zeitlicher Abfolge das Festival stattfinden sollte. Hier erschien uns ein dreijähriger Turnus wünschenswert. Und das nicht nur, um uns mit einem weiteren Merkmal von anderen Festivals abzusetzen. Tatsächlich ist das Format der Triennale in der internationalen Musikfestival-Landschaft bisher kaum eingeführt. Alle internationalen Musikfestivals finden – von einigen Biennalen als Ausnahmen abgesehen – in einem jährlichen Rhythmus statt. Selbst die sogenannte „Ruhrtriennale“, das „Festival der Künste in der Metropole Ruhrgebiet“, findet jährlich statt. Lediglich die Festivalleitung und das inhaltliche Thema wechseln hier im dreijährigen Turnus. Einzig die Musiktriennale Köln, die von 1994 bis 2010 stattfand und an deren Gründung und inhaltlichen Durchführung ich bis einschließlich 2007 maßgeblich beteiligt war, wurde in einem dreijährigen Rhythmus durchgeführt.

Für die inhaltliche Festivalplanung hat der dreijährige Rhythmus zahlreiche Vorteile. So ergibt sich die Möglichkeit ein Festival wirklich ganz abzuschließen, bevor man mit der Programmplanung des nächsten Festivals beginnt; und nicht wie bei jährlichen Festivals notwendig, das Programm des übernächsten Festivals, während des laufenden Festival bereits konzipieren zu müssen. Ein weiterer Vorteil des dreijährigen Zyklus ist eine deutlich größere, genau genommen dreifache Auswahl bei der Programmplanung zu haben als bei einem jährlichen Festival. Dies ist besonders bei einem Festival von Bedeutung, das sich der aktuellen, zeitgenössischen Musik widmet und damit auf die künstlerisch-musikalische Produktivität und Schaffenskraft internationaler Teilnehmer*innen angewiesen ist.

 

Exkurs: Musikfestivals

Zu den ältesten noch stattfindenden Musikfestspielen der Welt gehören die in 1876 gegründeten Bayreuther Festspiele, mit denen sich Richard Wagner ein Denkmal gesetzt hat. Das weltweit tonangebende Festival im Bereich der Neuen Komponierten Musik sind die 1921 gegründeten „Donaueschinger Kammermusikaufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst“.
Das älteste Jazzfestival der Welt findet überraschenderweise ebenfalls in Deutschland – und nicht in den USA – statt. Es ist das „Deutsche Jazzfestival“ in Frankfurt am Main, das 1953 als Leistungsschau angetreten ist, um alljährlich „einmal etwas vom Besten, was Deutschland im Jazz zu bieten hat“, zu präsentieren. Ein Jahr später öffnete das erste Jazzfestival der USA seine Tore: das „Newport Jazz Festival“, das bis einschließlich 2015 von seinem Gründer George Wein geleitet wurde.

1967 folgte mit dem „Monterey Pop“ in Kalifornien das erste große Pop-Festival, dicht gefolgt von der „Woodstock Music & Art Fair“, die 1969 nördlich von New York über die Bühne ging und ein einmaliges Ereignis bleiben sollte.
Vom Open Air-Charakter des Woodstock-Festivals inspiriert fand 1972 zum ersten Mal am Niederrhein das „Internationale New Jazz Festival Moers“ statt, das viele Jahre in Europa führend war. Hier wurden die Grenzen des Jazz aufgebrochen und ein neuer Festivaltyp begründet. Es folgten im Abstand von drei Jahren die stilistisch verwandten Festivals im schweizerischen Willisau (1975) und im österreichischen Saalfelden (1978). Alle drei Festivals haben als Open-Air-Festivals begonnen und finden heute in geschlossenen Räumen statt. Mit dem „Big Ears-Festival“, das seit 2009 in Knoxville/Tennessee stattfindet, ist ein neuer Typus eines Musikfestivals für die Musk des frühen 21. Jahrhundert entstanden, das in einer eher kleineren Stadt weltweit musikinteressierte Menschen anzieht und begeistert. Und die New York Times dazu bringt, es als das beste der Welt zu bezeichnen.

Das Monheimer Festival baut auf die Tradition dieser erfolgreichen, die Musik und das Musikverständnis erneuernde Festivals auf. Das Monheimer Festival setzt jedoch ebenso auf Transformation und Veränderung sowie eine ganz eigene Struktur und Rhythmik und vor allem die Einbettung und die Zusammenarbeit mit der Stadt und ihren Bürger*innen.

 

Das Festival und die Stadt

Für alle Musikfestivals ist es von großer Bedeutung, inwieweit sie in ihrer jeweiligen Stadtgesellschaft verankert sind. Dies stellt sich in jeder Stadt sehr unterschiedlich dar. Während man zum Beispiel beim Heavy-Metal-Festival „Wacken Open Air“ von einer gefühlten 100%igen Zustimmung der Bevölkerung vor Ort ausgehen kann, ist die Zustimmung der Bürger*innen beim Moers Festival traditionell eher zurückhaltend.

Die Akzeptanz eines Festivals in der jeweiligen Bürgerschaft ist so unterschiedlich wie die Festivals selbst, demnach gibt es sicher kein Patentrezept. Jedoch gilt es bei der Neugründung eines Festivals die offensichtlich Fehler, die andernorts gemacht worden sind, nicht zu wiederholen. Wichtiger ist es aus positiven Beispielen zu lernen und sich mit Erfolgsgeschichten zu beschäftigen.

Im Rahmen einer aktuellen Untersuchung der Universität Paderborn zum Erfolg von Musikfestivals nennt die leitende Wissenschaftlerin Prof. Dr. Beate Flath am Beispiel des 1997 gegründeten „Orange Blossom Special“ im ostwestfälischen Beverungen zwei Faktoren, die zum Erfolg dieses jährlich an Pfingsten stattfinden Singer-Songwriter- Festivals geführt haben:

1. Alle wichtigen Kräfte, also Veranstalter*innen, Stadt und alle Kulturvermittelnden haben von Anfang an zusammengearbeitet und sind „gemeinsam mit dem Festival gewachsen“ist
2. dass regionale Unternehmen von Beginn an beteiligt waren und die Chancen, die in der regional-ökonomischen Wertschöpfung liegen, frühzeitig erkannt haben.

Auf die Frage, wie sich die Akzeptanz in der örtlichen Bevölkerung mit einem hochspezialisierten, innovativen Musik-Programm verhält, verweist Flath auf die hohe Glaubwürdigkeit, die von den Programmmacher*innen ausgeht, besonders, weil sie sich ständig weiterentwickeln und nicht im Bekannten verharren. Glaubwürdigkeit basiert auf höchster Professionalität, Erfahrung, Vernetzung und Mut.

Ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Neugründung eines Festival mit einem in jeder Hinsicht herausfordernden und für weite Bevölkerungskreise unbekannten Programm ist das bereits erwähnte „Big Ears-Festival“ in Knoxville/Tennessee. Hier war es neben dem Festivalgründer vor allen Dingen die Bürgermeisterin, die das Festival maßgeblich unterstützt und in die regionale Geschäftswelt eingeführt hat. So bestand das Publikum in den ersten Jahren auch überwiegend aus Besucher*innen aus der Stadt und der unmittelbaren Region. Erst seit 2015 und einem aufsehenerregenden Artikel in der New York Times gewann das Festival zunehmend an Reichweite erst in den USA und dann weltweit, mit durchgängig ausverkauften Konzerten in 2018.

Bei beiden genannten Festivals war es die regionale Bevölkerung, die dem jeweiligen Festival zuerst ihr Vertrauen schenkte und damit die Grundlage für den weiteren Erfolg legte. Dabei spielt es im Fall des „Big Ears-Festivals“ keine Rolle, dass die angebotene Musik nicht den gängigen Hörgewohnheiten der Menschen in Tennessee entsprach. Vielleicht war es sogar von Vorteil, dass sie ihnen sogar in jeder Hinsicht zuwiderlief. Die Bürger*innen der Stadt stellten sich hinter ihr Festival weil es aus ihrer Sicht über eine innere Notwendigkeit verfügte. Knoxville, hinter Nashville die Nummer Zwei in Tennessee, wollte zeigen, dass die Stadt etwas zu bieten hat und über ihre Grenzen hinaus wahrgenommen werden sollte. Das Setting in der Stadt, also die genutzten Veranstaltungsstätten, das Marketing und das grafische Erscheinungsbild des Festivals, die positive Begleitung in den Medien, aber vor allen Dingen das konsequent gegen den Mainstream positionierte Programmangebot schafften in der Summe eine hohe Glaubwürdigkeit. So hoch, dass alle spürten, auch die, die mit der gebotenen Musik nichts anfangen konnten, dass die Einzigartigkeit des Festivals der Schlüssel für dessen überregionale Aufmerksamkeit werden könnte. Die Bürger waren stolz auf ihre Stadt und wollten mit dem Festival als Symbol der „Welt“ zeigen, was sie kann.

 

Der Artist in Residence

Für die Vermittlung der Festivalinhalte plane ich gemeinsam mit dem Musiker Achim Tang, der 2011 für ein Jahr „Improviser in Residence“ in Moers war und einer der erfahrensten Experten im Bereich der Musikvermittlung in unserer Republik ist, ein umfassendes kulturelles Vermittlungsprogramm in Monheim zu installieren. Mit dem Ziel, das Verständnis für das zeitgenössische Musikschaffen zu fördern, eine lebendige Verbindung zwischen Festival und Stadtgesellschaft herzustellen und künstlerische Impulse für eine nachhaltige kulturelle Entwicklung der Stadt anzubieten.

Die Aufgabe umfasst die konzeptionelle Arbeit (Entwicklung und Betreuung von kulturellen Bildungsangeboten, Konzertformaten und anderen Veranstaltungen), praktische Projektarbeit (Planung und Durchführung eigener künstlerischer und pädagogischer Projekte) sowie das Initiieren und Organisieren von Projekten, die das Festival mit den kulturellen Bildungsangeboten der Stadt verbindet (Einbindung von programmatischen Schwerpunkten und/ oder zum Festival geladenen KünstlerInnen in die kulturellen Bildungsangebote der Stadt). Bei allen Aktivitäten streben wir eine intensive Zusammenarbeit mit Institutionen wie Musikschule, Kunstschule, Sojus 7 und anderen an.

 

Warum Monheim?

Die Stadt Monheim am Rhein befindet sich in einer bemerkenswerten geografischen Lage. Exakt in der Mitte zwischen den beiden Großstädten Köln und Düsseldorf gelegen, und damit im Herzen der nach dem Großraum London bevölkerungsreichsten Region Europas. Gleichzeitig aber ruhig und fast abgeschieden bietet Monheim die idealtypischen Voraussetzungen für ein international ausgerichtetes und wahrgenommenes (Kultur-) Ereignis.

Von Köln (mit einer Million Einwohnern) und Düsseldorf (mit 600.000 Einwohnern) ist die Stadt Monheim mit dem Fahrrad in jeweils gut einer Stunde, mit dem ÖPNV in 40 Minuten und mit dem Auto in 20 Minuten zu erreichen. Mindestens ebenso bemerkenswert ist die Lage Monheims an einer der wichtigsten Wasserstraßen Europas, dem Rhein. Von Köln aus würde es nur eine Stunde und von Düsseldorf aus gegen den Strom die doppelte Zeit benötigen, um Monheim mit dem Schiff zu erreichen.
Monheim zeichnet sich als Kulturstandort durch die in den vergangenen Jahren aufgebaute vielseitige kulturelle Infrastruktur im Kinder- und Jugendbereich aus. Basierend auf der Erkenntnis, dass die Zukunft und der soziale Frieden in unseren Städten dauerhaft nur über die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu erreichen ist, hat sich Monheim das Ziel gesetzt „Hauptstadt für Kinder“ zu sein, unabhängig von deren sozialer oder nationaler Herkunft.

Mit dem Monheimer Modell „MoMo – Musikschule für Alle“ hat die Musikschule Monheim seit 2005 Pionierarbeit geleistet und zum ersten Mal in Deutschland einen dem norwegischen „kulturelle Skolesekken“ (Kulturrucksack) vergleichbaren kostenlosen Instrumentalunterricht eingeführt. Dieser wird einmal wöchentlich in allen Monheimer Grundschulen angeboten und zwar schon lange bevor das Land NRW sein Vermittlungsmodell „Jeki – Jedem Kind ein Instrument“ startete. In 2015 folgte der Bau und die Eröffnung der Musikschule, die bezüglich ihrer Größe und Ausstattung beispielhaft ist.

Und es gibt weitere bemerkenswerte Projekte im Bereich der kulturellen Bildung. Zu nennen sind die Aktivitäten des Ulla-Hahn-Haus, mit seinem Angebot für die Literaturvermittlung an Kinder und Jugendliche, dass 2014 begonnen Schulprojekt „Wortmalerei“, bei dem Bildende Kunst mit Literatur regelmäßig in Verbindung gebracht und vermittelt werden und der geplante Ausbau des soziokulturellen Zentrums Sojus 7 mit Angeboten für Jugendliche und junge Erwachsene.
Diese kulturellen Projekte und kulturpädgogischen Maßnahmen bilden ein wesentliches Fundament und schaffen die Glaubwürdigkeit für die Neugründung eines internationalen Musikfestivals. Dieses gelebte Selbstverständnis im Umgang mit Kunst und Kultur hat schließlich auch den Ausschlag gegeben, warum ich dem Ruf nach Monheim gefolgt bin.

Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt, der Monheim dazu prädestiniert ein kulturelles Großereignis auszurichten, das sich bewusst vom kulturellen und gesellschaftlichen Mainstream absetzt. Monheim ist einen eigenen politischen Weg gegangen, hat Ziele formuliert und sich wirtschaftlich unabhängig gemacht. Heute kann sich Monheim nicht nur zu einer der kinderfreundlichsten Städte der Republik zählen sondern auch eine Willkommenskultur vorweisen, die Neues, Fremdes und Anderes begrüßt und nicht ausgrenzt.

 

Das Programm

Zum jetzigen Zeitpunkt konkrete Programmteile oder gar Künstler*innen für das Festival zu nennen wäre zu früh und nicht zielführend. Dennoch lassen sich Eckpunkte beschreiben, die den Charakter des Programms deutlich werden lassen.

Kern des Programms ist die Präsentation des Wichtigsten, was Musikerinnen und Musiker überall auf der Welt an Neuem und Bemerkenswerten im Bereich der Aktuellen Musik erschaffen. Geplant ist eine internationale Präsentation und Dokumentation des internationalen Musiklebens an den Schnittstellen des Neuen, des Unbekannten und des Unerwartetem. Der Bereich der Aktuellen Musik, der hier abgebildet wird, umfasst die Neue komponierte Musik, die Improvisierte Musik und den Jazz, und die Populäre Musik, die sich dem Experiment und der Forschung öffnet.
Beispielhaft sei erwähnt, dass die in den 1960er Jahren noch vergleichsweise unbekannten Musiker Karlheinz Stockhausen, John Lennon, Jimi Hendrix und Miles Davis durch ein unsichtbares künstlerisches Kraftfeld miteinander verbunden waren. Erst später hat man erfahren, dass sie voneinander wussten und sich gegenseitig wertschätzten. Diese künstlerischen Kraftfelder existieren auch heute und es gilt, sie in einem Festivalkontext erlebbar zu machen.
Dieser Programmkern, der im Idealfall Gradmesser für die Produktions- und Schaffenskraft der internationalen Künstlerschaft ist, wird gerahmt von gesetzten Themen und Auftragsarbeiten.

Ein mögliches Thema ist, das Gesamtwerk einer herausragenden Musiker*innen- Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts aufzuführen und der Frage nachzugehen, welche Wirkungskraft ihr/sein Schaffen auf die Musik im 21. Jahrhundert hat.

Ein weiteres Element der Programmplanung ist die Vergabe von Auftragskompositionen oder -Konzeptionen. Damit ist es möglich, sich in einem gewissen Maße aus der Abhängigkeit von der Produktivität der Künstlerschaft zu lösen und aktiv in den künstlerischen Produktionsprozess einzugreifen.

Bei allen genannten Programmvorhaben kommt es in entscheidendem Maß auf die Qualität der Auswahl an. Es ist zwar möglich, mit etwas Hörerfahrung, gute Musik von schlechter Musik zu unterscheiden, doch benötigt man viel Kenntnis, Erfahrung und Instinkt, um gute Musik von sehr guter Musik unterscheiden zu können.

Da es für einen einzelnen Menschen kaum möglich ist, den gesamten Bereich des internationalen Musikschaffens auf Augenhöhe zu verfolgen, beabsichtige ich zu meiner Unterstützung ein Team von Kurator*innen einzusetzen, die vorab vereinbarte Bereiche recherchieren und beobachten.
Den eingesetzten Kurator*innen und allen voran mir als Festivalleiter wird es ein aufrichtiges Anliegen sein, die politischen Entwicklungen einer sich stetig verändernden Welt, und hier insbesondere die Folgen von Flucht und Vertreibung, im Festivalprogramm abzubilden.

 

Der Zeitpunkt und -Raum

Die erste Festivalausgabe wird im Jahr 2020 stattfinden. Da zu diesem Zeitpunkt der geplante Ausbau der ehemaligen Shell-Abfüllanlage zu einem Veranstaltungszentrum, und damit zum zukünftigen Festivalzentrum, noch nicht abgeschlossen sein wird, wäre diese erste Ausgabe eine Art „Prelude“ und wird einen Zeitraum von drei bis fünf Tagen umfassen.
Die erste vollständige Festivalausgabe, mit dem oben skizzierten Programm in vollem Umfang, wird in 2023 stattfinden und aus mindestens fünf Festivaltagen mit insgesamt circa 80 Programmbeiträgen bestehen. Die weiteren Ausgaben finden dann in 2026 und 2029 statt.
Die oben genannten großen Festivalausgaben werden in den Zwischenjahren von sogenannten „Interludes“, die nur an einem Tag stattfinden, unterbrochen. Das „Interlude“ dient dem Zweck die Vorfreude auf das eigentliche Ereignis kontinuierlich zu erhöhen und den Festivalzeitpunkt in das Langzeitgedächtnis der regionalen und internationalen Besucher und Medienvertreter zu implantieren. Gleichzeitig gäbe dieser Konzerttag einen guten Anlass einmal im Jahr in regionalen, nationalen und internationalen Medien auf das Monheimer Festival aufmerksam zu machen.

Als idealer Zeitraum für die Durchführung des Festivals hat sich das letzte Juni- Wochenende herausgestellt, eine Woche vor Beginn der Schulferien in NRW. Die sommerlichen Temperaturen ermöglichen zu dieser Jahreszeit zusätzliche Konzerte im Außenbereich. Zu diesem Zeitpunkt gibt es weltweit keine vergleichbaren Veranstaltungen, die mit dem Festival im Wettbewerb stehen würde.

Ein Terminkonflikt ergibt sich allenfalls in den geraden Jahren, da hier von Mitte Juni bis Mitte Juli eine Fußball-Europa- (2020) bzw. Weltmeisterschaft (2026) ausgetragen wird. Hiervon betroffen wären allerdings nur die Abendkonzerte an einem einzigen Tag. Und das auch nur für den Fall, dass sich das DFB-Team für die jeweiligen Turniere qualifiziert und das Achtelfinale erreicht.

 

Die Spielstätten

Neben dem bereits erwähnten Festivalzentrum, der ab 2023 zu einem Veranstaltungszentrum ausgebauten ehemaligen Shell-Abfüllanlage am Rheinufer („Kulturraffinerie K714“), werden die Aula des Otto-Hahn-Gymnasiums, das Veranstaltungszentrum Sojus 7 und verschiedene „besondere“ Orte wie z.B. die Marienkapelle oder die Freilichtbühne Spielstätten des Festivals sein. Darüber hinaus ist geplant, den gesamten öffentlichen Raum in Monheim in das Festivalgeschehen einzubinden. Hierfür bieten sich über das Stadtgebiet verteilte Klanginstallationen, Bühnen für unterschiedliche Konzertformate bei freiem Eintritt und musikalische Interventionen an.

 

Die Markenfindung

Auf Grund der oben dargestellten Aufgabe, ein Festival zu entwickeln, das

– von Beginn an ins städtische Leben eingebunden ist
– über ein Programmprofil verfügt, das weltweit einmalig ist und
– das Ziel verfolgt, möglichst früh eine größere Reichweite zu erlangen

kommt dem Prozess der Markenentwicklung und -findung große Bedeutung zu. In einen solchen Prozess sollten die Aktivkräfte der Monheimer Stadtgesellschaft eingebunden sein, um von Anfang an keine Kluft zwischen den lokalen Bedürfnissen und den internationalen Erfordernissen entstehen zu lassen.
In diesem Prozess muss das Leitbild des Festivals („Mission Statement“) formuliert, der Festivalname gefunden bzw. bestätigt und die Entwicklung des äußeren Erscheinungsbildes („Corporate Design“) vorbereitet werden. Die daraus entstehende „Corporate Identity“ muss das Alleinstellungsmerkmal („Unique Selling Proposition“) des Vorhabens deutlich herausstellen.

Gerade bei der Entwicklung eines neuen „Produktes“, für das es noch keinen Markt gibt und für das es absehbar auch keinen Markt nach den Regeln von Angebot und Nachfrage geben wird, kommt es im Besonderen darauf an, mit den Mitteln der Kommunikation und des Marketings Neugier, Interesse und Nachfrage zu schaffen.

Ob ein Ereignis dann „Kult“ wird oder nicht, ist weder plan- noch steuerbar. Es gilt dennoch Grundregeln zu beachten, die diesem möglichen Ziel den notwendigen Rückenwind geben. So geht es bei der Entwicklung einer neuen internationalen Marke im Kulturbereich nicht nur darum, möglichst viele Menschen zum Besuch dieses Ereignisses zu bewegen, mindestens ebenso wichtig ist mit der Marke Werte zu transportieren und internationale Wirkung zu erzielen.

Der langjähriger Pressesprecher der Kasseler „documenta“, Markus Müller, hat in 1997, 2002 und 2012 Umfragen (mit jeweils über 2.500 Teilnehmern) mit der Fragestellung gemacht, „Warum kommen Sie zur „documenta?“ Sein Fazit: „Ich kann belegen, dass ein schärferes Profil die Entscheidung für den Adressaten zu kommen erheblich erleichtert. Die „documenta“ gilt beim Adressaten als wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst weltweit, das wird durch Kontroversen eher noch befördert. Inwieweit das stimmt spielt hier keine Rolle, wichtig ist, dass sie so wahrgenommen wird. Je populärer die Inhalte, desto weniger spezifisch ist das Publikumsinteresse. Dann kommt man nicht wegen der „documenta“, sondern wegen des Inhalts A.“

Zusätzlich plane ich, den Weg der Entstehung des Festivals von Beginn an wissenschaftlich, empirisch und (video-) dokumentarisch zu begleiten, um diesen Prozess transparent und für nachfolgende Generationen nachvollziehbar zu machen..

 

Chancen und Risiken

Einer der entscheidenden Faktoren für den Erfolg des Festivals ist die Frage, wie schnell das Vorhaben von der Stadtgesellschaft angenommen wird. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass das Festival wie ein UFO alle drei Jahre in die Stadt schwebt, dort ein paar Tage verweilt und dann ohne Spuren wieder entschwindet.
Im besten Fall entsteht ein Dialog zwischen Festival und Stadtgesellschaft, bei dem die Internationalität des Festivals auf die Willkommenskultur der Monheimer Bürger*innen trifft. Ein solcher Dialog bedarf der kontinuierlichen Moderation durch die Stadtspitze. Unterstützt und begleitet wird dieser Dialog durch zusätzliche Maßnahmen, wie z.B. der „Artist in Residence“, mit denen die Inhalte des Festivals auch ganzjährig im Stadtleben erfahrbar gemacht werden.

Neben dem geringen Risiko der nur zögerlichen Annahme durch die Monheimer Bürger*innen überwiegen die Chancen. Das Programm wird bezüglich des Anspruchs, des Umfangs und des Musikprofils einmalig in der Welt sein. Ebenso sein Rhythmus als Triennale.
Die Stadt Monheim am Rhein bietet bezüglich ihrer geografischen Lage, ihrer überzeugenden Performance als „Stadt der Kinder“ mit Angeboten im Bereich der Kinder- und Jugendkultur und ihrer politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit idealtypische Voraussetzungen für das Gelingen des Vorhabens.

 

Reiner Michalke, im Juli 2018