Vorwort zu „Musik life“ – Studie zu den Spielstätten für Aktuelle Musik in NRW

In Ihren Händen befindet sich die „Studie zu den Spielstätten Aktueller Musik in NRW“. Diese Studie, mit deren Erstellung wir vor ca. zwei Jahren begonnen haben, entstand mit Unterstützung des Ministeriums für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW. Vordringliches Ziel ist es, einen möglichst vollständigen Überblick zu sämtlichen Aspekten dieser Themenstellung zu gewinnen, mit dem Ziel, den Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung Daten und Grundlagen für eine zukünftige Förderung dieses Bereichs an die Hand zu geben.

Auch Musikern, Journalisten, potenziellen Sponsoren und interessierten Konzertbesuchern bietet diese Studie erstmalig einen tief gehenden Einblick in diesen Teil des Kulturbetriebs. Dazu gehören neben der exemplarischen Einzelbetrachtung ausgewählter Spielstätten auch die Einbeziehung der historischen Aspekte und der politischen, juristischen und administrativen Rahmenbedingungen sowie der Blick über die Landes- und die Staatsgrenzen hinweg.

Nicht fehlen soll an dieser Stelle der Hinweis, dass der Herausgeber dieser Studie und Verfasser dieses Vorworts der Vorsitzende der Initiative Kölner Jazz Haus e.V. ist, die den „Stadtgarten“ in Köln betreibt. Mögliche Interessenkonflikte, die sich daraus ergeben, sind nicht völlig auszuschließen, und die bei dieser Fragestellung gebotene Objektivität ist möglicherweise nicht durchgängig gewährleistet. Wir hoffen jedoch, sowohl mit diesem Hinweis als auch mit der klaren Trennung von Fakten und Meinungen dieser Problematik angemessen begegnet zu sein.

Ebenso bitten wir um Nachsicht, dass die Bedeutung der Aktuellen Musik für die Kultur des 20. und erst recht des 21. Jahrhunderts in dieser Studie an keiner Stelle angezweifelt wird.

Die einzelnen Autoren, für deren unermüdlichen Einsatz ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bedanken möchte, waren frei in der Bewertung ihrer Recherche-Ergebnisse. Lediglich der Umfang der Untersuchung und die genaue Definition des jeweiligen Untersuchungsgegenstands waren Thema regelmäßiger Redaktionssitzungen und wurden einvernehmlich festgelegt.

Für die sprachliche und inhaltliche Supervision konnten wir Dr. Robert von Zahn gewinnen, der die verschiedenen Beiträge redaktionell betreut und zu einem Gesamtbild zusammengefügt hat. Dafür gebührt auch ihm an dieser Stelle unser herzlicher Dank.
Mein besonderer Dank gilt abschließend Chris Schmidt-Hofmann vom Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW und Dr. Gerlinde Fulle vom Regierungspräsidium Köln, die beide das Projekt von Anfang an mit ihrem fachlichem Rat begleitet haben und ohne deren Engagement diese Studie nicht möglich geworden wäre.

 

Definition „Aktuelle Musik“

Die Untersuchung gilt den Spielstätten, die im Wesentlichen „Aktuelle Musik“ präsentieren. Dies macht eine genauere Definition des Begriffs „Aktuelle Musik“ notwendig. Dieser Bezeichnung von allen aktuellen Erscheinungsformen in der Nachfolge des „Jazz“, der Improvisierten Musik des 20. Jahrhunderts, ist vergleichsweise jung und weder in der Literatur noch in der Musikwissenschaft zufrieden stellend eingeführt. Im journalistischen Kontext setzt sich dieser Begriff jedoch immer mehr durch. Ursprünglich entstand er in den späten 1970er Jahren in Frankreich, als man dort eine Alternative zum amerikanischen Begriff „Jazz“ suchte. Mit „Musique Actuelle“ fanden sowohl Franzosen als auch Frankokanadier eine Entsprechung für all die Stilistiken, denen der Begriff „Jazz“ zu eng geworden war.

Inzwischen hat sich die Bezeichnung „Aktuelle Musik“ in einigen Ländern Europas, zumal in den romanischen Ländern, aber auch teilweise in Skandinavien durchgesetzt. Interessanterweise wird in Spanien der Plural „Musicas Actualis“ verwendet – eine Ausweitung, die der Realität des aktuellen Musiklebens in vieler Hinsicht sehr entgegenkommt.

Aufschluss über die noch uneinheitliche Verwendung dieses Begriffs gibt ein Vergleich der Bezeichnungen, wie sie im europäischen Kontext erstmals im Rahmen einer behördlichen Ausschreibung zu finden sind. Tatsächlich verwenden die Staaten der Europäischen Gemeinschaft unterschiedliche Sammelbegriffe für den Bereich „Jazz, Rock, Pop, experimentelle Musik“. Diese Tatsache sollte jedoch nicht überbewertet werden. In der Geschichte der europäischen Gemeinschaft fanden dieses Thema und damit diese Begriffe nur einmal überhaupt Erwähnung.

Die größte Barriere für die internationale Durchsetzung eines einheitlichen neuen Begriffs für all die Musiken (!), die sich auf die Tradition des Jazz beziehen bzw. zumindest diese Tradition respektieren, überwiegend improvisiert sind und primär künstlerischen Intentionen folgen, ist die Tatsache, dass es im angelsächsischen Sprachraum bisher keinen Bedarf und damit auch keine ernsthaften Bemühungen für eine begriffliche Neuschöpfung gab und der Begriff „Aktuelle Musik“ bzw. „Musique Actuelle“ nicht ins Englische zu übertragen ist.

 

Auswahl der Spielstätten

Für die Auswahl der Spielstätten in NRW und die damit verbundenen kulturpolitischen Perspektiven haben wir uns auf die Häuser konzentriert, die aufgrund ihrer Programmpolitik förderungswürdig erscheinen und wirtschaftlich auskömmlich gestellt werden müssten. Dazu gehören Jazzclubs im traditionellen Sinne, Lofts und „alternative“ Spielstätten.

Ausgeschlossen haben wir Spielstätten, die Musik hauptsächlich als unterstützende Begleiterscheinung zum Biergenuss einsetzen. Das trifft z.B. auf viele Lokale mit Oldtime-Jazz zu. Nicht berücksichtigt haben wir auch die Spielstätten, die überwiegend Pop- und Rock-Musik mit dem primären Ziel der Gewinnerzielung präsentieren. Letzteren Spielstätten-Typ wollen wir dabei keineswegs herabsetzen, zumal die Grauzone sowohl in Bezug auf die ästhetischen, musikalischen Aspekte als auch hinsichtlich der Notwendigkeit zu wirtschaftlichem Handeln groß ist – allein schon aus Selbsterhaltungstrieb. Die Motivationen zum Betrieb dieser verschiedenen Spielstätten sind jedoch so unterschiedlich, dass wir uns auf die „Programm-Häuser“ konzentriert haben.

So haben wir als einzige Spielstätte in NRW, die sich primär mit aktueller Pop-Musik beschäftigt und auf diesem Gebiet ein künstlerisch ambitioniertes Programm anbietet, das „Gebäude 9“ in Köln berücksichtigt. Das „Gebäude 9“ ist gleichzeitig die jüngste Unternehmung, die in dieser Studie behandelt wird, und damit auch der Vertreter einer neuen Generation und eines neuen Typs von Spielstätte.

Kriterium für die Aufnahme ist auch die inhaltliche Nähe zwischen (bzw. die Identität von) Betreiber der Spielstätte und Betreiber des Musikprogramms. (Siehe dazu die entsprechenden Ausführungen im Beitrag von Anja Buchmann.)

Der guten Ordnung halber soll an dieser Stelle auch der Begriff „Spielstätte“ kurz definiert werden. Als „Spielstätte“ bezeichnen wir die Räumlichkeiten, deren primärer Zweck im Aufführen von live gespielter Musik besteht. Dies schließt das Veranstalten von Partys, die in fast allen Spielstätten für das wirtschaftliche Überleben inzwischen unerlässlich sind, solange nicht aus, wie der „Live“-Aspekt im Vordergrund steht. Selbstverständlich sind auch Auftritte von DJs und Musikern, deren Instrument der Computer ist, „Live“-Konzerte im oben beschriebenen Sinne.

 

Die Bedeutung der Aktuellen Musik in der Gesellschaft

Obwohl in der Musikwissenschaft die These vertreten wird, dass der Jazz die wichtigste Musikform des 20. Jahrhunderts war, und obwohl er vielerorts als die „Klassik des 20. Jahrhunderts“ gilt, hatten seine Musiker immer um Anerkennung und um das Überleben zu kämpfen. In den USA ergab sich die sehr zögerliche Annahme dieser Musik bei der weißen Bevölkerung aus deren Missachtung der Kultur der Farbigen, hatten doch alle wegweisenden Jazz-Musikerinnen und -Musiker dunkle Hautfarbe. Nur langsam begann das weiße Amerika zu begreifen, dass diese Musikform zu den großen Errungenschaften der vergleichsweise noch jungen Kulturgeschichte der USA gehört. Die Konzentration von öffentlicher Wahrnehmung und Förderung auf das noch relativ junge kulturelle Erbe macht es Weiterentwicklungen in den USA immer noch schwer, sich durchzusetzen. Erschwerend kommt hinzu, dass es oft weiße Musiker sind, die auf diesem Gebiet eine neue Ausdruckssprache suchen. Gerade diese Künstler sind aber meist von der europäischen Konzertmusik des 19. und 20. Jahrhunderts beeinflusst.

In Europa vollzog sich eine andere und teilweise gegenläufige Entwicklung. Während hier die amerikanischen Jazzmusiker – gleich welcher Hautfarbe – auf Jazzfestivals große Erfolge feierten und einen beträchtlichen Anteil ihres Jahresverdienstes realisierten, hatten es die Propheten im eigenen Land sehr schwer. So hatte der Erfolg des amerikanischen Jazz in Europa leider nicht zur Folge, dass dieser Musikstil und seine Weiterentwicklungen außerhalb der Jazzfestivals den Respekt erlangt hätten, der ihnen ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung nach zusteht.
Tatsächlich sind in Europa von Land zu Land unterschiedliche Beobachtungen zu machen. Während besonders in Frankreich, Holland und Skandinavien die „Actuellen Musikformer“ (schwedische Bezeichnung für „Aktuelle Musiken“) nach langem Kampf durch die gesellschaftlichen Instanzen inzwischen zum jeweiligen nationalen Kulturgut und damit auch zu einem unverzichtbaren Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens gehören, sind wir in der Bundesrepublik von solchen Zuständen noch weit entfernt.

Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen: Kaum in einem anderen Land der Welt wird so kategorisch unterschieden, ja geradezu polarisiert wie in Deutschland. Eines der signifikantesten Beispiele dafür ist die Trennung der sogenannten U-Musik von der E-Musik, also die der „Unterhaltenden“ von der „Ernsten Musik“. Nicht nur die GEMA als Verwerterin der Aufführungsrechte verfuhr bis vor Jahren ausschließlich nach diesem dualen Unterscheidungsprinzip, sondern auch – von wenigen Ausnahmen abgesehen – der gesamte Musikbetrieb. Während die so genannte klassische Konzertmusik, alle Formen der Kammermusik und die komponierte Neue Musik zur „Ernsten Musik“ gehören und damit in den Genuss öffentlicher Förderung kommen, zählten der Jazz und alle Formen der Improvisierten Musik zur „Unterhaltenden Musik“ und blieben deshalb bei der Verteilung öffentlicher Mittel meistens unberücksichtigt.

Richtig ist, dass sich der Jazz in den USA und in Europa oft als Teil der populären Musikkultur verstanden hat. Ebenso richtig ist jedoch auch die Tatsache, dass sich die Entwicklung der Jazzmusik immer an inhaltlichen ästhetischen Kriterien und weniger an einem vordergründigen Publikumsinteresse orientiert hat. Somit ist der „Jazz“ so etwas wie der „Ernste Teil“ der Popularmusik.
Für den Fall der künstlerisch-inhaltlich motivierten Musikproduktion existiert in den meisten europäischen Ländern bereits eine mehr oder weniger klar formulierte gesellschaftliche Vereinbarung: Das Gemeinwesen unternimmt Anstrengungen, um die zwangsläufig entstehenden finanziellen Lücken zwischen künstlerischem Angebot auf der einen Seite und einer wirtschaftlich nicht ausreichenden Publikumsnachfrage auf der anderen Seite zu schließen – also die Förderung von Kunst und Kultur durch die öffentliche Hand.
In diese Vereinbarung ist die Aktuelle Musik – zumindest in der Bundesrepublik – bisher nicht einbezogen worden.

 

Jazz und Volksmusik

Ein weiterer Grund für das schwierige Verhältnis der deutschen Förderinstrumente zur Aktuellen Musik ist deren fehlender Bezug zu einer nationalen Identität, z.B. zu einer regionalen Volksmusik. Sicherlich gibt es in verschiedenen Regionen der Republik, wie beispielsweise in Niederbayern über Generationen hinweg tradierte Volksmusiken, die diesen Namen verdienen. In der Regel werden sie aber von „volksmusikalischer Schlagermusik“ überdeckt. So sind sie als Bezugspunkt für eine ernsthafte musikalische Auseinandersetzung kaum geeignet.

In dieser Hinsicht verfügen die skandinavischen Länder, aber auch Frankreich und Italien über einen Vorteil: In den dort vorhandenen volksmusikalischen Wurzeln liegt in vielen Fällen die Inspiration zu einer eigenen musikalischen Sprache und die Grundlage für deren gesellschaftliche und politische Anerkennung. Bekanntes Beispiel für den Umgang mit diesen imaginären Wurzeln ist die „Association de la Recherche d’une Folklore imaginaire“ (Arfi), die unter der Leitung von Louis Sclavis zu Beginn der 1980er Jahre in Lyon den Beginn einer neuen Ära in der europäischen Improvisierten Musik einläutete. Fast zeitgleich und völlig unabhängig von dieser Entwicklung schuf der norwegische Musiker Jan Gabarek eine eigene Idiomatik, die zu wesentlichen Teilen von der Volksmusik Norwegens und der Musik der dort lebenden Samen inspiriert war. Seine Musik sowie die Konzeptionen von Louis Sclavis basierten zwar weiterhin – zumindest zu Beginn – auf der Formensprache des Jazz, waren jedoch ästhetisch als europäische Musik mit einem deutlichen Bezug zum jeweiligen „kulturellen Territorium“ erkennbar.

Aus dieser europäischen Tendenz heraus hat der englische Musikkritiker und -wissenschaftler Stuart Nicholson in einem Artikel für die New York Times (2001) seine These entwickelt, dass alle wesentlichen Neuerungen des Jazz der letzten zwanzig Jahre nicht mehr in den USA, sondern in Europa entstanden. Er bezog sich dabei vor allen Dingen auf Musiker aus Frankreich und Norwegen und erntete dafür gleichermaßen Kritik wie Zuspruch. Der Leiter des „Vestnorsk Jazzsenter“ in Bergen, Bo Grønningsæter, prägte nach Lektüre des Artikels in Abwandlung des Frank Zappa Zitates „Jazz is not dead, but it just smells funny“ den Satz „Jazz is not dead, it just has moved to Europe“.

An Deutschland ist diese Entwicklung im Großen und Ganzen vorbeigegangen. Zumindest gibt es nur sehr wenige deutsche Jazzmusiker, die über eine nennenswerte internationale Reputation verfügen. Ob es hier einen unmittelbaren Zusammenhang mit der fehlenden öffentlichen Förderung für diesen Bereich gibt, ist schwer zu sagen, allenfalls zu vermuten. Fest steht, dass den oben genannten Musikern in Frankreich und Norwegen von Beginn an eine kontinuieriche öffentliche – auch finanzielle Unterstützung – zuteil wurde.

Auch die Identifizierbarkeit eines „kulturellen Terroirs“ ist in der Aktuellen Musikszene in Deutschland nicht feststellbar. Allenfalls das Rheinland mit seiner von Manfred Niehaus (Komponist und ehemaliger WDR-Jazz-Redakteur) so beschriebenen „Kölner Schule“, die vor kurzem wiederum vom englischen Musiker Django Bates anlässlich der Ausschreibung „Jazza r t – Aktuelle Musik im 21. Jahrhundert“ als „Rhinestyle“ bezeichnet wurde, und die Region Berlin mit ihrer erkennbaren Öffnung zum Osten Europas deuten auf eine künstlerisch wahrnehmbare regionale Ästhetik hin.

Die Geschichte der Spielstätten des Jazz bzw. der Aktuellen Musik ist – wie Bernd Hoffmann nachgezeichnet hat – eine Geschichte der Hoffnungen und Träume, einiger Erfolge und vieler Enttäuschungen.

Wir hoffen, mit dieser Studie einen Einblick in einen sehr lebendigen und zukunftsweisenden Bereich der aktuellen Kultur zu geben und wünschen uns, damit den Grundstein für ein besseres Verständnis und in der Folge für eine bessere Ausstattung dieses Musikbereichs gelegt zu haben.

Reiner Michalke