Qualität wiederentdecken. Musikvermittlung und Musikschulen

Reiner Michalke im Gespräch

Wie beurteilen Sie die Qualität der Musikausbildung in Deutschland?

Mit dem Musikunterricht steht es in Deutschland nicht zum besten. Die privaten und die öffentlichen, meist kommunalen Musikschulen ergänzen sich kaum und arbeiten in der Regel aneinander vorbei.

Die Arbeit der öffentlichen Musikschulen ist zudem meist von traditionellen Vorstellungen geprägt, die neuere musikalische Entwicklungen kaum und wenn, dann nur zögerlich berücksichtigen. Der Musikunterricht an den Schulen ist rudimentär und unbefriedigend. Dabei sollte es doch gerade an den Schulen darum gehen, Verständnis für Musik überhaupt zu wecken und den Schülern einen Zugang zu ihr zu eröffnen. Leider gibt es zuwenig engagierte Lehrer, die den Schülern das Handwerkszeug vermitteln, mit dem sie auch kompliziertere Musiken dekodieren und damit überhaupt erst Spaß an diesen Dingen bekommen können. Voraussetzung hierfür wäre allerdings eine adäquate pädagogische Ausbildung an den Musikhochschulen. Doch auch dort stellt man sich nur zögerlich den Anforderungen, die die Musikwelt heute stellt und läuft damit Gefahr, sich auch international ins Abseits zu stellen. Soweit ich die Lage überblicke, befindet sich die hiesige musikalische Ausbildung auf einem international gesehen relativ bescheidenen Niveau und bedarf deshalb dringend der Neuorientierung.

Was ist vor diesem Hintergrund zu tun?

Vielleicht hilft hier zunächst einfaches ergebnisorientiertes Denken weiter. Warum investieren wir Geld in Musikausbildung? Das Ziel ist doch letztlich, dem Wunsch in der Gesellschaft nach einem reichen, abwechslungsreichen und innovativen Musikleben genüge zu tun. Das setzt neben der Weckung eines allgemeinen Interesses an Musik die Ausbildung von Musikern auf allerhöchstem Niveau voraus. Sie müssen in der Lage sein, zum einen Musik, die bereits existiert, adäquat und mit bestmöglichem Standard zu interpretieren. Daneben muß ein anderer Typus von Musiker ausgebildet werden, der neue Musik erfindet. Es geht nicht darum, nur rückwärts orientiert das kulturelle Erbe zu verwalten, sondern auch nach vorne zu schauen, die Dinge voranzutreiben und Neues zu schaffen. Dabei spielt der internationale Kontext eine wesentliche Rolle. Nur im fruchtbaren Austausch mit anderen Kulturkreisen können neue Musiksprachen entwickelt werden.

Worin besteht die Misere genau? Können Sie Beispiele nennen?

Die Weigerung vieler Musikschulen, in Gruppen zu unterrichten und neue Musikformen zu berücksichtigen, führt automatisch zu einem traditionalistischen und überholten Unterricht. Der konzentriert sich im Wesentlichen darauf, Kindern und Jugendlichen das Spielen auf einem bestimmten Instrument beizubringen.
Dabei wird allenfalls Handwerk vermittelt, aber keine Begeisterung für eigenständige musikalische Betätigung. Man folgt dem engen Kanon der klassischen europäischen Musik und reduziert die musikalische Energie der Jugendlichen auf die reine Interpretation. Nun sind Interpreten zweifellos wichtig. Die Aufführungen klassischer Musik soll hier auch nicht in Frage gestellt werden. Allerdings darf man die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß z.B. für den Klangkörper »Symphonieorchester« in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts so gut wie nicht mehr geschrieben worden ist – von einigen wenigen öffentlichen Auftragskompositionen einmal abgesehen. Wenn wir also weiterhin in erster Linie Musiker für diesen Job ausbilden, müssen wir uns darüber im Klaren sein, daß dann bald die Probleme auf uns zukommen, die wir bereits vom Kohleabbau im Ruhrgebiet kennen …

Wäre eine größere Zuwendung an den Musikschulen für Popularmusik die Lösung?

Nein, nicht auf jeden Fall. Es ist nichts damit gewonnen, wenn Pop, Rock oder Jazzmusik in den Alltag öffentlicher Musikschulen einbezogen wird und mit den selben Versatzstücken behandelt wird wie die Klassik. In der Regel stellt man auch hier die Vermittlung einer instrumentalen Fähigkeit voran. Wenn es zu einem Ensemblespiel kommt, wird auch da auf Standards – die Klassiker der Jazzmusik – zurückgegriffen. Dieses Vorgehen hält viele Musiker davon ab, eigene Wege zu gehen und sich der improvisierten Musik anzunähern. Damit wird deutlich, daß wesentliche Veränderungen in der Musikentwicklung von der Musikausbildung noch gar nicht wahrgenommen worden sind.

Fortschritt läßt sich also nur mit einer Neudefinition der Grundwerte in der musikalischer Ausbildung erreichen?

Ja, das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Jazzmusik und der improvisierten Musik. Sie ist von der Mischung afrikanischer und europäischer Musizierideale geprägt. Ihren Ursprung hat diese Fusion im Süden der USA, wo die sogenannten Kreolen, an klassischen europäischen Musikinstrumenten ausgebildete Farbige, eine völlig neue Musiksprache entwickelten. Sie lebt von der Dominanz des Rhythmischen und beendet die in Europa bis dahin über Jahrhunderte andauernde Vorherrschaft der Melodie. Diese Umwälzung ist für die gesamte Musikentwicklung von Bedeutung. Die Aufnahme der neuen Musik war in den Ländern Europas ganz verschieden. Während die Angelsachsen die neuen Formen zügig adaptierten und zunehmend auch selbst eingenständige Beiträge leisteten, unterbrach der Nationalsozialismus diese Entwicklung in Deutschland fundamental. Teile des künstlerischen Schaffens wurden zwischen 1933 und 1945 im wahrsten Sinne des Wortes eliminiert. Danach entstand in Deutschland zunächst keine eigenständige Musiksprache mehr – auch kein aktuelles, neues Selbstbewußtsein. Man bezog sich verstärkt auf die Leistungen vergangener Epochen und knüpfte in diesem Teil der Republik leider auch nur sehr zögerlich an die Traditionen der Zwanzigerjahre an – etwa an die Musik von Hanns Eisler oder Kurt Weill. Ich bin davon überzeugt, daß es ohne den Einbruch des Nationalsozialismus heute ein anderes heterogenes Musikleben gäbe, das einige anachronistische Konventionen längst über Bord geworfen hätte.

Damit ist die Rede vom neuen MusikerTypus ?

Im Zentrum der skizzierten Entwicklung steht ein neues Musizierideal. Im traditionellen Verständnis schreibt der Komponist Noten auf Papier, die dann für Solisten und Ensembles interpretierbar sind. Mit der neueren Auffassung schwindet die Distanz zwischen Komponist und Interpret – der Komponist ist in der Regel auch sein eigener Interpret. Das finden wir in der Popmusik wie in der Jazzmusik. Musik muss sowohl als Musik begriffen werden wie auch offen sein für Entwicklungen in anderen kulturellen Bereichen. Das finden wir auch bei den Protagonisten der Neuen Musik – spätestens mit John Cage hat sich der Einfluß der traditionellen europäischen Musiktradition auch hier relativiert.

Nimmt die Musikwirtschaft ihrerseits Einfluss auf die Musikerziehung?

Nun, die Musikwirtschaft – und hier allen voran die Entertainment-Konzerne –könnten einen größeren Einfluß auf die Musikerziehung ausüben, sie tun es jedoch nicht, weil sie keinen Vorteil davon haben. Im Gegenteil: Ziel der Musikindustrie ist nämlich nicht die Produktion von guter, sondern von verkaufbarer Musik und der damit verbundenen Gewinnmöglichkeit. Es geht hier unmittelbar um die Befriedigung von Käuferwünschen. Deshalb übernimmt die Industrie auch keine Verantwortung für Ausbildung oder Qualität. Es besteht kein Interesse an Vielfalt, Qualität und Innovation. Das Oligopol der vier großen Tonträgerkonzerne betreibt deshalb eine einfache Geschäftspolitik: Ein Produkt für den ganzen Planeten ist billiger und profitabler als die aufwendige Betreuung regionaler Märkte. Diese wirtschaftliche Erkenntnis fördert nicht gerade die Qualität musikalischer Entwicklung.

Und die Rolle der öffentlichen Hand?

Da sich sowohl die Kommunen als auch der öffentlichrechtliche Rundfunk immer mehr aus der Förderung zurückziehen, fällt es immer schwerer, die wirtschaftliche Lücke, die durch die fehlende Publikumsnachfrage entsteht, zu kompensieren. Das gilt sowohl für den Bereich der Neuen, der Improvisierten Musik wie für alle Bereiche der avancierten Rock und Popmusik. Die Orientierung an der Quote setzt sich gerade bei den Hörfunkanstalten vor dem Hintergrund des Wettbewerbs mit den Privaten immer mehr durch. Und die Kommunen brechen immer mehr unter der Last ihrer großen Institutionen, also Bühnen und Museen zusammen und verfügen über immer geringer werdende Spielräume für sogenannte »freie« Aktivitäten.

Welche Folgen zieht das nach sich?

In dieser Folge wandelt sich die gesellschaftliche Nachfrage nach Musik. Der qualitätsorientierte Anspruch, der früher das Produzieren prägte, läßt nach. Der junge Musiker beginnt sich immer weniger für Innovatives zu interessieren und orientiert sich an Konventionellem. Neues findet im wahrsten Sinne des Wortes immer weniger offene Ohren. Innovationen finden so auch auf Dauer kein Publikum mehr. Die Musiksender MTV und VIVA zum Beispiel haben diese Entwicklung durch ihre formatierten Programme noch massiv befördert. Diese Musikkanäle haben durch das industrielle Abspielen von virtueller Musik die Kreativitätsräume bis zur Unkenntlichkeit vernichtet. Musik ist hier zum bloßen Transportmittel für Werbebotschaften degeneriert. Dabei sah das ursprüngliche Vorhaben zumindest bei VIVA anders aus. Der Gründungs-Geschäftsführer, der ja über die Kulturpolitik, über ein Rockbüro, also über die Förderung von engagierter, avancierter Rockmusik in diese Branche hineingekommen ist, wollte wenigstens teilweise Musikern auch ein Forum für Neues bieten. Davon ist bis heute nichts zu spüren. Ich denke, man kann fast sogar so weit gehen und behaupten, VIVA hat der Qualität und Vielfalt der hiesigen Musikszene bisher mehr geschadet als genutzt.

Ihr Fazit?

Für Musik darf nicht ihr Marktwert, sondern muß ihr immanenter wirklicher Wert wieder entscheidender werden. Und alle, die an dem Prozeß des MusikMachens, Produzierens, Veranstaltens und Kommunizierens beteiligt sind, müssen erkennen, daß eine verstärkte gemeinsame Anstrengung vonnöten ist, will man mit neuen und/oder zukünftigen Musikinhalten den internationalen Anschluß schaffen. Eine wichtige, vielleicht entscheidende Voraussetzung dafür ist ein teilweise radikales Umdenken in der Musikerziehung und Musikausbildung. Und dazu gehören Pädagogen, die Kindern und Jugendlichen sowohl die Qualitätsunterschiede von Musik, als auch den Spaß im Umgang mit Musik nahe bringen können.


Das Gespräch führte Wolfgang Hippe. Reiner Michalke ist künstlerischer Leiter des Stadtgarten Köln.