Es gibt Maßnahmen, die fast nichts kosten

(Aus: taz. die tageszeitung, 19.06.2004)

Die Niederlage Kölns bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2010 hat gezeigt, was seit zwei Jahrzehnten kulturpolitisch falsch läuft in der Stadt, meint Reiner Michalke, Sprecher des Kulturnetzes Köln im Gespräch mit der taz. Köln müsse für junge und alte Künstler wieder attraktiv werden

Interview: Jürgen Schön

taz: Herr Michalke, Sie haben sich als Sprecher des Kulturnetzes Köln, des Zusammenschlusses der freien Szene, für die Bewerbung Kölns zur Kulturhauptstadt Europas 2010 engagiert. Die Entscheidung fiel gegen Köln. Haben Sie die Sache inzwischen weggesteckt?

Reiner Michalke: Wie wir inzwischen wissen, hatte Köln nie eine Chance. Aber wir hätten der Jury die Entscheidung schwerer machen müssen. Grund zur Trauer besteht aber nicht. Die Bewerbung hat die Bedeutung der Kulturschaffenden, vor allem der freien Szenen, wieder deutlich gemacht. Es besteht jetzt mindestens Augenhöhe zu den städtischen Kulturinstitutionen.

Eine überraschende Einschätzung. Schließlich gab es auch Stimmen, die bei einem Scheitern der Bewerbung Kölns das Ende der Kulturpolitik befürchteten.

Leichter wird es für uns bestimmt nicht. Aber die freien Szenen sind zusammengerückt, Kommunikation und Austausch wurden verstärkt, es gibt ein neues Bewusstsein. Diesen Prozess wollen wir fortsetzen. Ein Fragenkatalog an die Parteien für die Kommunalwahl im Herbst ist in Vorbereitung, die Struktur des Kulturnetzes (www.kulturnetz-koeln.de) wird stabilisiert. Die Niederlage Kölns hat klar gemacht, was schon seit über 20 Jahren in Köln falsch läuft.

Und was läuft Ihrer Meinung nach in Köln seit 20 Jahren falsch?

Was Köln ausmacht, ist die eigene, höchst vitale und international beachtete Künstlerschaft. Die Stadt aber hat ihre Künstler vergessen! Das begann Ende der 70er Jahre mit dem Amtsantritt Peter Nestlers als Kulturdezernent. Ab da hieß es: Weg von den Künstlern, hin zu den städtischen Institutionen. Während die besetzte Stollwerck-Fabrik abgerissen wurde, bekam das Gürzenich-Orchester 30 neue Stellen. Auch wurde in jener Zeit der Neubau des Museum Ludwigs und der Philharmonie beschlossen.

Und dieser Trend soll sich jetzt ändern?

Es ist Zeit für eine kulturpolitische Zeitenwende. Nicht nur RTL muss in Köln gehalten und „Premiere“ muss nach Köln gelockt werden, sondern Köln muss wieder für junge und alte Künstler aus allen Bereichen attraktiv werden.

Aber die Stadt hat kein Geld…

Diese Stadt hat Geld und gibt auch glücklicherweise immer noch viel für Kultur aus. Die Frage für die Zukunft ist nur: für die Kultur von gestern, die von morgen oder für ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen kulturellem Erbe und kultureller Avantgarde? Es gibt genügend Maßnahmen, die fast nichts kosten. So könnte die Stadt Investoren zur Auflage machen – ähnlich wie bei der Stellplatzabgabe für Autos – Raum für Ateliers und Proberäume zu schaffen. Zum Anreiz von Live-Musik in Clubs und Gaststätten könnte man da, wo regelmäßig Live-Musik angeboten wird, grundsätzlich auf die Vergnügungssteuer verzichten. Für Kinos müsste man zusätzliche Anreize schaffen, in Köln produzierte Videos oder Kurzfilme im Vorprogramm zu zeigen. Die Museen könnten eine Fläche für Wechselausstellungen mit Kölner Kunst zur Verfügung stellen. Die Bühnen müssten – damit haben sie ja schon zaghaft begonnen – mit Kölner Künstlern zusammenarbeiten. Das wären klare Signale, auch weit über Köln hinaus. Die Kölner Wirtschaft könnte in einen Wettbewerb um ihre „Unternehmenskultur“ eintreten, durchaus zum Wohle der Kölner Künstlerschaft.

Wäre das eine Aufgabe für den neue Kulturdezernenten?

Der oder die Neue kann nur umsetzen, was der Oberbürgermeister und der Rat vorgeben oder zulasen. Deshalb muss sich erst einmal die Politik darüber klar werden, für welche Aufgabenstellung jemand gesucht wird. Erst dann sollte man sich auf Personalsuche begeben.